Orgelportrait der Ev. Kirche Merscheid

Oliver Richters an der Klais-Orgel (Foto: Uli Preuss)
Oliver Richters an der Klais-Orgel (Foto: Uli Preuss)

Die Orgel der Evangelischen Kirchengemeinde Merscheid wurde im Jahre 1905 zeitgleich mit der Kirche gebaut. Der Auftrag ging überraschenderweise an die Firma Klais aus Bonn. Johannes Klais war Katholik, und da es in dieser Zeit absolut unüblich war Aufträge an Orgelbauer der anderen Konfession zu erteilen, dürfte es sich um eine der ersten evangelischen Klais-Orgeln handeln.

Klais baute das Instrument ganz im Stil der Jahrhundertwende mit pneumatischer Traktur, Kegelladen und 15 Registern. Der grundtönige Klang war ganz der Ästhetik des 19. Jahrhunderts verpflichtet.

Die Orgel befindet sich über dem Altarraum. Diese Aufstellung mag zunächst ungewöhnlich erscheinen, folgt aber einer alten bergischen Tradition.

Auffallend ist die Prospektgestaltung mit zwei klingenden Rundtürmen und einer Rosette aus nichtklingenden Pfeifen. Solche Rosetten sind sehr ungewöhnlich; ihr historischer Ursprung ist die berühmte „Sonnenorgel“ von Eugen Casparini 1703 in St. Peter und Paul zu Görlitz.

Wahrscheinlich in den 1920er Jahren wurde – wohl noch von Klais – das 2. Manual mit einer Zusatzlade für drei weitere Register versehen. Auf ihnen kamen Register zu stehen, die der Orgel bis dahin fehlten: eine Zungenstimme und zwei hochklingende Register, die den grundtönigen Klang des zweiten Manuals aufhellten.Zu dieser Zeit war Klais von der sogenannten elsässischen Orgelreform beeinflusst und hat augenscheinlich auch das Merscheider Instrument entsprechend ergänzt. Diese Reformbewegung, die vor allem von Emile Rupp und dem berühmten Albert Schweitzer initiiert wurde, kritisierte Klang und Bauweise der deutschen Orgeln der Jahrhundertwende und war stark von den französischen Instrumenten beeinflusst. Ihr Ziel war, die Orgeln klanglich so zu gestalten, dass auf ihnen barocke Orgelmusik, namentlich die Werke Bachs, adäquat dargestellt werden konnten.

Im Jahre 1958 wurde das Instrument tiefgreifend umgebaut. Ernst Weyland aus Opladen – der Erbauer der Orgel der Lutherkirche in Solingen – elektrifizierte die Orgel und baute wahrscheinlich einen neuen Spieltisch ein, der vielleicht von Seifert aus Köln stammt. Vor allem aber wurde der Klang nach den Vorgaben der damaligen „Orgelbewegung“ verändert. Im Sinne eines missverstandenen Barocks wurden weiche und dunkle Register gegen helle und schreiende ausgetauscht. Das Pedal erhielt eine Zusatzlade für zwei hochklingende Register, so dass die Orgel nun 20 Register besaß.

Im Jahre 1998 wurde die Orgel von Siegfried Merten aus Grafschaft-Gelsdorf renoviert. Ziel war es, den Stand der 1920er Jahre wiederherzustellen, allerdings konnte dabei die Elektrifizierung nicht rückgängig gemacht werden. Die Zusatzlade des Pedals wurde mit zwei neuen Registern besetzt, von denen eines, eine Zungenstimme, allerdings nicht dem Stil der 1920er Jahre entspricht.

Die Orgel der Evangelischen Kirche Merscheid ist also in mehrfacher Hinsicht von historischer Bedeutung: Es dürfte sich um eine der ersten „evangelischen“ Orgeln von Klais überhaupt handeln, es ist die einzige Solinger Orgel mit pneumatischen Kegelladen und es ist eines der wenigen spätromantischen Instrumente aus dem frühen 20. Jahrhundert, die hierzulande noch existieren.

Text von:
Oliver Richters und Dr. habil. Roland Eberlein (musikwissenschaftliches Institut der Universiät zu Köln)


Aktuelle Disposition

Hauptwerk C-g“‘

  • Bordun 16′
  • Principal 8′
  • Flauto major 8′
  • Gedeckt 8′
  • Viola di Gamba 8′
  • Oktave 4′
  • Mixtur-Cornett 4fach 4′

Nebenwerk C-g“‘

  • Geigenprincipal 8′
  • Rohrflöte 8′
  • Salicional 8′
  • Vox coelestis 8′ ab c0
  • Flauto traverse 4′
  • Flöte 2′
  • Sesquialter 2fach
  • Horn 8′

Pedalwerk C-d‘

  • Violonbass 16′
  •  Subbass 16′
  • Octavbass 8′
  • Choralbass 4′
  • Ged. Trompete 16′

3 Normalkoppeln

Sub- und Superkoppeln

Crescendowalze


Klangbeispiele

Richard Wagner: Vorspiel zu Lohengrin (für Orgel bearbeitet von Sigfrid Karg-Elert)

 

Joe Hisaishi: Summer

 

Jean-Baptiste Lully: Passacaille d’Armide (für Tasteninstrument bearbeitet von Jean-Henri d’Anglebert)